Trotz Selbstzweifeln das Leben rocken

Liebe Leser,

kennen Sie auch diese freundliche kleine innere Stimme, die Ihnen immer dann, wenn Sie etwas richtig Tolles für Ihr Leben planen, „Du schaffst du nie!“ ins Ohr raunt, gerade so, als meine sie es nur gut mit Ihnen? Oder als wüsste sie, wovon sie spricht? Wenn Sie dieser inneren Stimme dann energisch: „Kann schon sein, ich mach´s trotzdem!“ entgegen rufen, dann brauchen Sie dieses Buch nicht. Doch wenn Sie sind wie ich, dann lassen Sie sich entmutigen. Dann raubt Ihnen diese innere Stimme den Elan und die Kraft zum Neubeginn. Hat ja doch keinen Sinn, denken Sie und bleiben in Ihrer Komfortzone, in der Art zu leben, die Ihnen vertraut ist, die Sie kontrollieren können und die Ihnen zwar keine Abenteuer, aber auch keine Gefahren bietet.

Wie oft haben Sie etwas Bestimmtes nicht getan, weil Sie diese lähmenden Selbstzweifel ausbremsten? Wie anders würde Ihr Leben verlaufen, wenn Sie sich selbst mehr zutrauen würden? Wenn Sie auf Ihren Erfolg bauten? Das wirklich Verrückte ist: Selbstzweifel gibt es in jeder Preisklasse, auf jedem Erfolgsniveau. Von Außen sieht man dem Anderen diese Zweifel nicht an. Er kommt erfolgreich und beeindruckend daher. Nicht jeder, der von Selbstzweifeln geplagt wird, schleicht mit gesenktem Haupt durch die Strassen, gewandet in stilvolles Steingrau mit einem Hauch Beige. Lassen Sie sich nicht blenden. Gerade die, die am lautesten schreien, die am auffälligsten daher kommen, leiden oftmals unter so starken Selbstzweifeln, dass sie sich selbst mit ihrem Auftreten von ihrem eigenen Wert zu überzeugen versuchen. Selbstzweifel sind also, und das ist, was ich Ihnen vermitteln will, normal. Jeder kennt sie. Das ist eine gute Nachricht. Selbstzweifel sind nämlich keine Ausrede mehr! „Du weißt doch, Susanne, ich traue mir das nicht zu“, höre ich oft im Coaching. Klar weiß ich das. Aber was soll das denn für ein Argument sein? Der Unterschied zwischen einem Menschen, der mit sich im Frieden ist und einem, der sich von der ewigen Frage „Bin ich gut genug?“ beeindrucken und lähmen lässt, ist dieser hier:

Der erfolgreiche Mensch lässt sich von den Selbstzweifeln nicht lange aufhalten! Er nimmt seine Projekte dennoch in Angriff. Er weiß, dass diese Zweifel Fragen seines Inneren sind, keine Aussagen über ihn.

Was meine ich denn nun damit, fragen Sie sich.

Was wäre, wenn ich Ihnen sagte, diese so lähmende innere Stimme könnte Ihr bester Freund werden? Ein Verbündeter, mit dem Sie durch dick und dünn gehen könnten?

Was wäre, wenn diese nagenden Selbstzweifel eine wichtige Botschaft hätten?

Sagen Sie mal – darf ich „Du“ sagen?

Wir gehen gemeinsam durch emotionale Untiefen, denn Selbstzweifel verschleiern fast immer Ängste. Deshalb würde ich dich wirklich gerne mit dem vertrauten „Du“ ansprechen. Gefällt Ihnen das nicht, sehen Sie mir bitte diese formlose Anrede nach, denken Sie sich das „Sie“ und lassen Sie sich nicht in die Flucht treiben – denn das könnte auch schlichtweg eine Vermeidungsstrategie sein…

Ich danke dir.

 

Kapitel eins 

Woher Selbstzweifel kommen

Selbstzweifel könnten Fragen deines Inneren an dich sein, schrieb ich gerade, da schauen wir nun ein wenig genauer hin. Welche Fragen wären das wohl?

Wie wäre es damit:

  1. Bin ich stark genug, ein Scheitern durchzustehen?
  2. Kann ich es mir leisten, ein Risiko einzugehen, auch wenn meine Familie und Freunde sich über mich wundern?
  3. Halte ich es aus, dass sich Menschen eventuell von mir abwenden?

Und, ganz wichtig:

  1. Halte ich es aus, dass ich mich vielleicht gar selbst von mir abwende, wenn ich meine Ziele nicht erreiche?

Übung

Wie sieht es bei dir aus? Willst du diese Fragen einmal für dich beantworten?

Dann nimm dir etwas zu schreiben und ein paar Minuten Zeit. Versetze dich in Gedanken in eine Situation, die du befürchtest, weil sie eine Herausforderung birgt. Sie kann groß sein oder klein, der Gang zum nächsten Arzt oder ein revolutionäres Geschäftsmodell.

Fühlst du dich und deine Selbstzweifel? Erlaube ihnen, da zu sein, drück sie nicht weg. Das machst du vermutlich meistens, du darfst jetzt etwas Neues ausprobieren. Stelle dir selbst die Fragen:

  1. Bin ich stark genug, ein Scheitern durchzustehen?
  2. Kann ich es mir leisten, ein Risiko einzugehen, auch wenn meine Familie und Freunde sich über mich wundern?
  3. Halte ich es aus, dass sich Menschen eventuell von mir abwenden?
  4. Halte ich es aus, dass ich mich vielleicht gar selbst von mir abwende, wenn ich meine Ziele nicht erreiche?

Sei bitte ganz ehrlich.

Wie geht es dir mit diesen Antworten? Jetzt hast du immerhin schon mal eine Idee davon, was dich genau vom Erreichen deiner Ziele abhält…

Die Antworten eines nicht an sich zweifelnden Menschen sind ganz einfach. Frage eins bis drei: Ja, ja und ja, klar.

Frage vier:

Nein. Auf keinen Fall.

 

Und hier ist die Wurzel, lieber Leser.

Selbstzweifel entstehen nicht dadurch, dass du etwas nicht kannst. Auch nicht durch Misserfolge, auch wenn wiederkehrende Misserfolge natürlich sehr schwer zu verkraften sind. (Und so ganz stimmt das auch nicht. Ständige Misserfolge können durchaus traumatisieren und dir jeden Mut zum Neubeginn nehmen. In diesem Falle darfst du dir bitte Hilfe holen, die dich enger begleiten kann, als es ein Buch vermag. Bestimmt findest du hier gleichzeitig einige Gedanken, die dir einen neuen Weg zeigen.)

Stell dir mal vor, du bist ein Kind. Du lernst laufen. Lässt du dich von Selbstzweifeln überrollen, weil du auf deinen windelgepolsterten Po fällst oder machst du solange weiter, bis du es kannst? Nun, ich denke, ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich sage: „Du hast es geschafft“. Fehler zu machen, zu scheitern, es wieder zu versuchen, bis man es kann oder einsehen muss, dass man eben nicht besonders begabt ist, das ist völlig normal. Das kann deine Psyche aushalten. So lernst du. Denke mal nur an Situationen, in denen du anerkennen musstest, dass du in einer Sache nicht besonders gut bist. War das schlimm? Untergräbt das dein Selbstwertgefühl, traust du dir deshalb gar nichts mehr zu?

Ich wage zu behaupten, dass es dir sicherlich nicht gefallen hat, zu scheitern, aber dass es dich auch nicht nachhaltig beeinflusst. Etwas nicht zu können ist nicht das Problem.

Außer…

Außer dein Scheitern bedingt eine für dich als Kind wirklich bedrohliche Situation:

Beschämung und den Verlust von Liebe.

Stelle dir einmal vor, du kletterst auf einen Baum, mehr oder weniger ungeschickt. Dein Vater ist da, ermutigt dich, bis du es entweder schaffst oder aber aufgibst. In beiden Fällen lobt er dich für deinen Versuch und deinen Mut. Ihr fahrt nach Hause und alles ist gut. Meinst du, dadurch entwickelst du Selbstzweifel, selbst wenn du den Baum nicht bezwungen hast? Nein.

Was aber, wenn sich dein Vater enttäuscht von dir abwendet, wenn du es nicht schaffst, dich antreibt, wenn dich andere Kinder auslachen, wenn du auf einmal ausgeschlossen wirst?

Dann koppelt sich dein Unvermögen, auf diesen Baum zu klettern, mit Scham, Angst vor erneutem Liebesverlust und dem Gefühl, weniger wert zu sein. Und nun kommt eine überlebensnotwendige innere Kraft ins Spiel, von der du wissen musst, um Selbstzweifel zu verstehen: Dein innerer Schutzmechanismus, die sogenannte Schmerzvermeidung. Die gleiche Kraft, die dich nur einmal auf die heiße Herdplatte fassen lässt, sorgt für folgendes:

Du wirst dich unbewusst nie mehr einer Situation aussetzen, in der du diese Gefühle wieder erleben wirst. Selbst, wenn du es auf bewusster Ebene versuchst und willst. Weil sich in deinem Gehirn der Fehlschlag mit deiner tatsächlich erlebten Beschämung und dem (zumindest gefühlten) Liebesverlust des Vaters verknüpft haben, entscheidet dein Unterbewusstsein, sich nie wieder auf etwas einzulassen, von dem nicht sicher ist, ob du es schaffst. Und das ist beinahe alles, was du neu starten willst. Die Gefahr des Scheiterns ist nicht das Problem. Sondern die Gefahr, durch das Scheitern wieder beschämt, ausgeschlossen und einsam zu sein. Und die ist nicht auszuhalten.

Das auf den Baum Klettern war nie ein Problem? Dafür hast du vielleicht versucht, die Ehe deiner Eltern zu retten, Deine Mutter aus ihrer Depression herauszuholen. Deinen Vater glücklich zu machen. Deine Schwester zu retten. Doch die Aufgabe war zu groß und du warst so klein, und auch einfach nicht zuständig. Da kann schon mal der ein oder andere Selbstzweifel entstehen, wenn man derart unlösbare Aufgaben zu bewältigen hat…

 

Das geschieht während schmerzlicher Erfahrungen

 

Weißt du, was noch passiert, wenn du als Kind beschämt wirst? Der verletzte innere Anteil spaltet sich ab, du verdrängst die Angelegenheit. Es tut sonst zu weh. Das kannst du nicht steuern, es geschieht automatisch und das ist gesund.

Weil du es aber unbewusst verdrängt hast, bist du nun in diesem inneren Bereich wirklich alleine. Stell dir einfach vor, dieses Kind, das auf den Baum klettern wollte und es nicht schaffte, ist wie in einer inneren Blase, abgekapselt und allein. Es schämt sich. Und hat Angst, nicht mehr geliebt zu werden. Du kannst dir sicher vorstellen, wie es ihm geht. Und du kannst dir vorstellen, dass dich dein Inneres davor schützen will, das jemals wieder zu erleben. So entsteht eine innere Stimme, die es wirklich gut mit dir meint und die dir ständig sagst: „Das kannst du nicht.“ Warum? Damit du die Folgen deines Scheiterns, nämlich Beschämung und Einsamkeit, nicht wieder ertragen musst!

Erkennst du, dass es nicht um das Nichtkönnen geht, sondern um die Reaktion der Familie und Freunde auf deinen Misserfolg?

Misserfolg ist jetzt untrennbar verknüpft mit Einsamkeit und Scham. Selbstzweifel sind der Versuch deines Inneren, dich vor erneuter Beschämung zu schützen.

 

Was du wirklich brauchst

 

Doch es gibt Hoffnung. Wer fehlte damals? Ein Verbündeter. Ein Vater, eine Mutter, Freunde, die dich nicht auslachten, sondern dich ganz einfach nahmen, wie du warst: mit dem, was du kannst und mit dem, was du nicht kannst.

Du kannst mit allem umgehen, wenn du einen Verbündeten an deiner Seite hast, einen echten Freund, der dich tröstet, dich unterstützt, der dich niemals verlässt, egal, was passiert. Woher bekommst du einen solchen Freund?

Du hast ihn schon. Du weißt es nur noch nicht. Ich unterstütze dich dabei, selbst dieser unverbrüchliche Verbündete zu werden. Denn mit ihm, mit dir selbst an deiner Seite, kann dich nichts mehr erschüttern.

Und dann kannst du Abenteuer wagen.

Heißt das, deine Selbstzweifel kommen alle aus der Kindheit?

Nein. Ständige Misserfolge traumatisieren auch im Erwachsenenalter. Je nachdem, wie du für dich „Erfolg“ definierst, hat du eine innere Meßlatte, an der du deinen Selbstwert und deine Selbstwirksamkeit misst. Selbstwirksamkeit bedeutet, dass du weißt, du bist in der Lage, auch schwierige Situationen zu meistern. Der Begriff wurde in den 1970er Jahren in der kognitiven Psychologie von Albert Bandura geprägt und hilft sehr dabei, Selbstzweifel zu verstehen.

Wenn für dich Misserfolge mit dem Verlust von Liebe  und Anerkennung verknüpft sind, Qualitäten, die du als Kind zum Überleben brauchst, dann hast du innerlich nicht viel Spielraum, Herausforderungen zu meistern. Du hast einen hohen Stresslevel, wenn du an ein eventuelles Scheitern denkst. Du vermeidest neue Situationen, also machst du auch nur selten die Erfahrung, dass du sie meistern kannst! Selbstwirksamkeit aber entsteht durch die gelebte Erfahrung, in der Lage zu sein, Schwierigkeiten in Erfolge zu verwandeln. Bildlich gesprochen: Stroh zu Gold zu spinnen. Du kannst statt „Selbstwirksamkeit“ auch schlicht „der Glaube an sich selbst“ sagen.

 

Den Glauben an die eigene Kraft stärken

 

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die eigene Selbstwirksamkeit, also den Glauben an die eigene Kraft, zu stärken:

  • durch Erfolge, die durch eigenes Handeln entstehen
  • durch Erfolge, die man bei anderen sieht: je ähnlicher dir der andere in Bezug auf seine Ziele, seine Fähigkeiten und seine physische Konstitution ist, desto stärker motiviert dich sein Erfolg
  • durch positive Bestärkung wie beim Loben und Coachen
  • dadurch, dass du den Stresslevel senkst, der mit der Herausorderung einhergeht, das bedeutet: dir selbst emotionale und körperliche Beruhigung verschaffen

Dieser letzte Punkt ist ganz besonders wichtig. Denn wenn der Stresslevel zu hoch ist, dann sorgt deine innere, sehr gesunde Schmerzvermeidung dafür, dass du die Herausforderung erst gar nicht annimmst. Du wirst krank, müde, hast keine Lust, dir kommt etwas dazwischen, ja, es können sogar Unfälle geschehen, die dich hindern, etwas Neues zu beginnen. Die Angst bedient sich des Sprachzentrums im Gehirn und flüstert dir scheinbar vernünftige Gründe ein, warum du eine Herausforderung besser vermeiden solltest. Vorsicht. Diese innere Stimme der Angst hat nichts mit deinem gesunden Menschenverstand zu tun. Es ist also nicht sinnvoll, den Kopf auszuschalten, wie viele Menschen meinen, sondern viel hilfreicher, zu entscheiden, welchem Teil deines Kopfes du zuhörst: dem gesunden Menschenverstand oder der Stimme der Angst, die sich natürlich auch sehr klug anhört. Sie will dich ja überzeugen und nicht sofort enttarnt werden.

 

Bist du bereit für eine zweite Übung?

Ist dir bewusst, auf welche Weise dich deine Selbstzweifel entmutigen? Lass es uns herausfinden.

Nimm dir dazu bitte etwas zu schreiben und liste drei Situationen deines Lebens auf, die ganz anders gelaufen wären, hättest du dir selbst mehr zugetraut.

Stelle dir bitte folgende Fragen, zu jeder dieser Situationen:

Habe ich eine ähnliche Situation schon einmal gemeistert? Oder bin ich in einer ähnlichen Situation bereits gescheitert?

Kenne ich jemanden, der eine ähnliche Herausforderung gemeistert hat? Was könnte ich von ihm lernen oder abschauen?

Was ist an mir so anders, wieso kann der andere das und ich nicht?

(Sei hier bitte ehrlich, das ist keine Fangfrage, sondern eine echte! Wenn du völlig anders gestrickt bis als der, den du dir als Vorbild auserwählst, dann nutzt dir sein Erfolg nichts, weil du seine Handlungsweisen nicht umsetzen kannst.)

Welche Kraft und welche Ressourcen habe ich, die mein Vorbild auch hat, wie kann ich sie aktivieren?

Wie rede ich mit mir und wie ist mein Umfeld, motiviert es mich oder bin ich umringt von Bedenkenträgern?

Wer profitiert davon, wenn ich mein Ziel nicht erreiche?

Erlaube ich mir selbst, mich zu entmutigen oder rede ich freundlich und aufbauend mit mir?

Sorge ich gut für mich, achte ich darauf, mich zu entspannen und kann ich mich selbst in herausfordernden Zeiten beruhigen? Weiß ich, was mir gut tut, was mir Kraft gibt?

Beantworte bitte nur diese Fragen, du brauchst noch keine Lösungen für dich zu haben. Deshalb schreibe ich ja dieses Buch für dich, damit du neue Wege gehen kannst.

Wie kannst du diese Erkenntnisse für dein Leben nutzen? Gehen wir es an. Schritt für Schritt.

 

Kapitel zwei

Über dich selbst hinauswachsen – was spornt dich an?

Machen wir einen gedanklichen Schlenker und wenden uns deinen Kraftquellen zu. Damit du dich stark und mutig fühlst und deine Herausforderungen meistern kannst, brauchst du ein paar Voraussetzungen. Das ist gut zu wissen, oder? Es bedeutet nämlich, dass du viel für dich tun kannst, damit du deine Selbstzweifel überwindest. Und dass nicht alles an dir selbst liegt. Es gibt Grundvoraussetzungen, die gegeben sein müssen, damit du deine Pläne erfolgreich in die Tat umsetzen kannst. Nicht jeder Selbstzweifel ist ein innerer, manchmal stimmen auch einfach die Umstände nicht oder noch nicht.

Deshalb die erste Frage, die du beantworten darfst, wenn dich Selbstzweifel in Bezug auf deine Ziele schwächen:

 

Für wen willst du deine Ziele erreichen?

 

Damit du deine volle Kraft entfalten kannst, solltest dich bei den Menschen, mit denen du deine Aufgaben angehen willst, wohlfühlen. Und der Grund, warum du etwas tun willst, sollte positiv sein und Freude bringen.

Was wäre ein negativer Grund? Du willst einen Schmerz überdecken, du willst einen emotionalen Mangel ausgleichen, du willst fehlende Liebe erringen.

Klaudia will abnehmen, fünf Kilo. Sie sagt, sie will das für sich selbst machen, weil sie sich nicht mehr wohl fühlt. Das stimmt auch. Was aber auch stimmt, ist, dass ihr Freund sich seit einigen Wochen komisch verhält. Um es deutlich zu sagen: Er schläft nicht mehr mit ihr.

Klaudia hat Angst, dass er sie nicht mehr schön findet und sie weiß, dass sie schlanker sein könnte. Ihre Mutter hat ihr oft gesagt: „Wenn du zu dick bist, bekommst du keinen Mann.“

Klaudia weiß, dass sie eine wundervolle, intelligente Frau ist und dass sie um ihrer Selbst Willen geliebt werden will.

Doch die Botschaft der Mutter sitzt tief. Was, wenn sie doch Recht hätte?

Sie sagt sich, weil sie sich selbst positiv bestärken will:

„Abnehmen kann auf jeden Fall nicht schaden. Ich fühle mich dann besser und ich habe eine andere Ausstrahlung. Dann wird mich auch Christoph wieder öfter anschauen.“

Glückwunsch von mir, liebe Klaudia, du motivierst dich!

Klaudia denkt außerdem:

„Er findet mich nicht mehr schön. Meine Mutter hatte recht. Ich schaffe das, ich nehme ab, dann wird alles wieder gut. Sonst verlässt er mich womöglich noch und dann bin ich wieder alleine. Und dick. Und dann finde ich sowieso keinen anderen mehr.“

Und dafür bekommst du von mir keinen Applaus, du Liebe… Denn du weißt nicht, ob es überhaupt stimmt, dass er dich nicht mehr schön findet und reagierst, als wäre es wahr.

Sie hat also einen starken Ansporn, abzunehmen. Klaudia kauft sich Diätpulver und hört auf zu essen. Die ersten Tage laufen super, sie fühlt sich großartig und kämpferisch. Die Pfunde purzeln.

Doch was denkt sie noch, auch wenn sie es sich nicht eingesteht?

„Wenn ich ihm nur gefalle, weil ich dünner bin, dann will ich ihn nicht. Er könnte ja auch einfach mal mit mir reden, wenn ihm was nicht passt. So toll ist der Sex nun auch wieder nicht, dass ich mir deshalb die Schokolade versage. Und was, wenn ich wieder zunehme? Soll ich für den Rest meines Lebens dieses blöde Pulver trinken, nur, damit ich ihm gefalle? Bestimmt nicht.“

Und was könnte wohl das Kind in ihr, das immer noch existiert und einen wesentlichen Anteil des Unterbewusstseins ausmacht, sagen? Wie wäre es damit:

„Ich will geliebt werden, weil ich bin, wie ich bin.“

Merkst du was? Viele Anteile in Klaudia sind ziemlich wütend. Sie grollen. Sie wollen Christoph nicht gefallen, nur weil sie abnimmt, sondern weil Klaudia ist, wie sie ist. Zumal Klaudia nicht mal sicher weiß, ob ihr Gewicht wirklich die Ursache für Christophs schwindendes Interesse an ihr ist.

Wird Klaudia erfolgreich abnehmen? Vielleicht, je nachdem, wie gut sie sich beherrschen kann. Wird sie ihr neues Gewicht halten? Sicherlich nicht. Selbst dann nicht, wenn Christoph plötzlich wieder aufmerksamer wird. Warum nicht?

Weil sie nicht für ihr Schlanksein geliebt werden will. Ihr Problem ist noch nicht gelöst. Sie bekommt aus den für sie falschen Gründen Beachtung. Weil ihr Unterbewusstsein und besonders ihr Inneres Kind auf die Frage: „Liebst du mich so, wie ich bin?“ keine zufriedenstellende Antwort bekommen haben, wird ihr Inneres diese Frage weiter stellen, indem sie wieder zunimmt.

Ein paar Wochen später schaut sich Klaudia im Spiegel an und denkt „Ich schaffe es sowieso nicht, dauerhaft abzunehmen, kein Wunder, dass Christoph mich nicht mehr liebt. Ich bin viel zu inkonsequent und liebe mich ja selbst nicht. Sonst würde ich es schaffen!“

Wenn du also ein Ziel anstrebst, dem in Wahrheit ein ganz anderes Bedürfnis zugrunde liegt, dann weiß das dein Unterbewusstsein. Es lässt sich nicht austricksen. Und auch nicht ausnutzen.

Wie könnte Klaudias Lösung aussehen?

Statt abzunehmen könnte sie ihren Freund einfach fragen, warum er nicht mehr mit ihr schläft. Sie könnte sich selbst erlauben, ihre wahren Gefühle wie Scham, Trauer und die Angst, verlassen zu werden zu fühlen und sie ihrem Freund mitteilen. Sie könnte aufhören, eine Lösung zu finden, noch bevor sie überhaupt das Problem kennt!

Warum tut sie das nicht?

Zum einen, weil sie nie gelernt hat, ihre Gefühle zu fühlen, zum anderen, weil sie glaubte, die Lösung für ihr Problem bereits zu kennen. Ihre Mutter hatte es ihr verraten, als sie zehn Jahre alt war: „Wenn dich ein Mann nicht begehrt und liebt, bist du zu dick.“ So einfach ist das. Sie trug ihre Strategie bereits in sich, deshalb kam sie gar nicht auf die Idee, dass Christoph vielleicht ganz andere Gründe hatte, nicht mehr mit ihr zu schlafen, als sie glaubte. Ein paar Monate später, Klaudia hatte ihre fünf Kilo wieder zugenommen, verriet er ihr übrigens, dass er eine schwere Zeit durchgemacht hatte – wusste er doch nicht, ob er seinen Job behielt…

Miteinander zu reden kann manchmal durchaus helfen, oder?

 

Selbstzweifel entstehen, wenn du eine Lösung für ein Problem anstrebst, das du noch gar nicht kennst!

 

Was wäre ein positiver Grund gewesen, abzunehmen? Da fallen mir viele ein, doch einer ist ganz besonders wichtig. Und er würde funktionieren als Grundlage für ihre Diät. Klaudia hat nämlich ein Pferd, das sie sehr liebt. Und das sie genauso annimmt, wie sie ist. Die Frage des Inneren Kindes: „Liebst du mich, wie ich bin?“ beantwortet das Pferd mit einem eindeutigen „Ja“. Dem Pferd ist es auch egal, was Klaudia wiegt – außer, sie will reiten. Und hier ist ein hervorragender positiver Ansporn für Klaudia: Weil sie ihr Pferd liebt, nimmt sie ein paar Kilo ab, damit es nicht so schwer zu tragen braucht.

„Ja, aber“, sagst du vielleicht, weil du dich schon viel mit Selbstliebe beschäftigt hast. (Gut gemacht!!) „Müsste sie das nicht für sich selbst und nur für sich selbst tun?“

Ja, müsste sie vielleicht. Aber könnte sie es? Sie ist schon so oft gescheitert. Da ist das trotzige (und verletzte) innere Kind, das der Mutter beweisen will, dass sie sich irrt, dass Klaudia auch dann liebenswert ist, wenn sie ein paar Kilos zu viel hat… Es sorgt dafür, dass sie nie ganz so schlank ist, wie sie es gerne hätte. Zu groß wäre die Gefahr, dass sie wegen ihres Körpers geliebt werden könnte, statt um ihrer selbst Willen. Du verstehst, oder? Und letztlich tut sie es für sich, wenn sie es für ihr Pferd tut. Denn das Pferd gehört zu ihrem Umfeld, zu den Wesen, die sie liebt und für die sie sorgt. Seien wir nicht so streng mit uns. Alles, was funktioniert, gilt, oder? Und etwas für Menschen oder Tiere zu tun, die man liebt, ist durchaus ein gewichtiger Ansporn. Ihn nicht zu nutzen wäre schade.

Sabrina dagegen hat einen sehr positiven Grund, ihre Ängste zu überwinden: heute ist sie zu einem lang ersehnten Vorstellungsgespräch eingeladen. Ihr Traumberuf wartet auf sie, sie kann es selbst kaum glauben. Die Chancen stehen gut, dass sie die Stelle auch bekommt.

Sabrina hat sich extra ein Kostüm gekauft, in diesem wunderschönen Blau, das ihr so gut steht. Sie zieht sich an, es passt perfekt. Sie schaut in den Spiegel. Sie sieht toll aus. Doch auf einmal wird sie müde, all ihre Kraft ist weg. „Die nehmen mich sowieso nicht“, denkt sie plötzlich. „Es gibt andere, die sind viel besser als ich. Dieser Job ist mir zu anstrengend und außerdem muss ich jeden Morgen viel zu weit fahren.“

Was ist passiert? Sie sieht super aus, daran kann es nicht liegen. Das Kostüm sitzt perfekt, die Haare sind hochgesteckt, sie ist geschminkt und macht einen höchst professionellen Eindruck.

Dass sie die Anforderungen des Jobs erfüllen könnte, das steht nicht einmal in Frage.

Sie weiß, was sie kann, und doch ist sie auf einmal wie gelähmt, am liebsten würde sie den Termin absagen. Und wer weiß. Vielleicht tut sie das auch. Es wäre nicht das erste Mal. Sie hat es mal wieder nicht geschafft.

Wenn Sabrina sich selbst hinter die Kulissen schauen könnte, dann würde sie folgendes erkennen:

Als sie in den Spiegel blickte, um den Sitz ihres Kostüms zu überprüfen, stand da auf einmal nicht die dreißigjährige, kompetente Erwachsene, sondern ein Teenager, der sich linkisch und unsicher fühlte. Das junge Mädchen, das sich plötzlich im Spiegel erblickte, hatte nur diesen einen Satz im Kopf: „Sollen wir uns für dich schämen?“ Immer dann, wenn sie sich für einen offiziellen Anlass kleidete, war Sabrina kritisiert worden. Egal, was sie anzog, irgendwas störte die Eltern immer. Ein Fleck – der hochoffizielle (und todlangweilige) 60. Geburtstag der Großmutter. Eine Knitterfalte beim Familientreffen. Ihre Kleider waren immer irgendwie zu lang, zu kurz, zu weit, zu eng, einige Zeit lang zu glitzernd, später, in ihrer dunklen Phase, zu schwarz. Obwohl sie sich wirklich alle Mühe gegeben hatte, in den Augen ihrer Eltern ordentlich angezogen zu sein. Sabrina hatte kein gesundes Gefühl für sich selbst entwickeln können, sie befürchtete immer, komisch auszusehen, ohne es zu bemerken. „Kleider machen Leute“, hatte sie gelernt, und sie war immer gescheitert.

Was ist passiert, als sie in den Spiegel sah?

Der Personalchef wurde plötzlich zu ihrem Vater, der immer dann kritisch die Augenbraue hob, wenn sie sich besonders sorgfältig gekleidet hatte. Dieses Gefühl der Scham wollte sie nie wieder erleben, das hatte sie sich geschworen. Und so sabotierte sie sich in einem sehr wichtigen Bereich ihres Lebens selbst.

Kannst du dir vorstellen, dass ihre unbewusste Angst, vom Personalchef beschämt und ausgelacht zu werden, so groß war, dass sie lieber das Vorstellungsgespräch verpasste als diese Angst durchzustehen? Obwohl sie sehr gut vorbereitet und ideal für diese Stelle war? Und kannst du dir außerdem vorstellen, dass sie davon nicht das Geringste mitbekam, sondern sich nur auf einmal furchtbar müde und lustlos fühlte, tausend Stimmen im Kopf hatte, die ihr einredeten, es sei besser, nicht hinzugehen?

Bestimmt kannst du das. Weil du es gut kennst.

War ihr das bewusst? Nein. Wäre es ihr bewusst, was könnte sie tun?

  1. Nachschauen, wer in ihr diese Angst trägt. Eventuell auch, warum.
  2. Überprüfen, ob der Anteil, der die Angst trägt, überhaupt derjenige ist, der diese neue Stelle haben will.

Verstanden? Nein?

Also: was wäre, wenn Sabrina erkennen würde, dass es nicht die erwachsene Frau im Kostüm ist, die ein Problem hat, sondern die 12-jährige, die von den Eltern beschämt wurde? Und was wäre, wenn Sabrina dieser inneren 12-jährigen einfach Folgendes sagen würde:

„Weißt du was? Du musst nicht mit. Ich mache das, die Erwachsene. Du bist gar nicht gemeint. Du lebst in mir, aber ich bin die Große und ich kann das. Du, die Kleine, du musst gar nicht mitkommen und du musst auch nicht dieses Kostüm anziehen.“

Wie klingt das für dich?

Für Sabrina klingt es sehr erleichternd. Es ist tatsächlich die große Sabrina, die dieses Vorstellungsgespräch hat und nicht der unsichere Teenager, der sich am liebsten verstecken würde. Soll er sich verstecken, das macht nichts. Er ist ja gar nicht gemeint! Die Große, die ist den Umgang mit Personalchefs gewohnt und es macht ihr nichts aus. Sie kann das.

Du kannst dir das so vorstellen:

Kennst du diese hölzernen, innen hohlen Matruschkapuppen? Die Puppe in der Puppe in der Puppe? Bestimmt.

Die größte Puppe, das ist der gereifte, erwachsene Anteil, der sein Leben meistern kann. Wenn sich nun plötzlich eine kleinere Sabrina, die eigentlich nach innen gehört, nach Außen schmuggelt und versucht, eine Erwachsenen-Angelegenheit zu regeln, dann kann das nur schief gehen. Die Kleinen können herauskommen, wenn sich Sabrina ein Eis kauft. Oder mit ihren Katzen schmust. Aber nicht, wenn sie ein Vorstellungsgespräch hat. Also sagen wir der Kleinen einfach: „Geh wieder nach innen, das Gespräch führt die größte Puppe, du bist hier gar nicht gemeint.“

Das funktioniert ganz hervorragend im Alltag.

Anders wäre es, wenn sich die Große selbst im Kostüm unwohl fühlen würde, wenn sie zwar die Stelle haben wollte, aber den Dresscode der Firma nicht leiden könnte. Dann wären ihr Zögern und ihre Unlust ein echtes inneres Gefühl, das ihr zeigen würde: „Die Stelle ist womöglich doch nichts für dich. Du musst dich in dieser Firma verbiegen“. Dann wären es keine ungesunden Selbstzweifel. Sondern echte, berechtigte Zweifel daran, dass sie das Richtige tut.

Woher weißt du, wer in dir gerade agiert und ob es der erwachsene oder ein jüngerer Anteil ist?

Probiere einmal folgende Übung aus:

 

Stelle zwei Stühle einander gegenüber. Nimm dir etwas zu schreiben. Setze dich auf einen der beiden Stühle und stelle dir vor, dir gegenüber säße der innere Anteil, der dir ständig diese Selbstzweifel einredet. Hörst du ihn reden? Was sagt er? Gibt es bestimmte Situationen, in denen er besonders stark ist? Schreib es auf.

Bestimmt kennst du die meisten dieser Sätze, vielleicht langweilen sie dich gar.

Wenn du alles aufgeschrieben hast, was dir auf diesem Platz einfällt, dann setze dich bitte auf den Stuhl dir gegenüber, auf den Platz des Selbstzweifels.

Wie geht es dir hier? Was sind die wahren Beweggründe für die Zweifel, die du hegst? Wie alt ist denn dieser Anteil? Was hat er erlebt?

Meistens will dich dieser Anteil in Wahrheit nur vor Beschämung und Verletzungen beschützen. Schreib alles auf, was dir auf diesem Platz einfällt. Was möchtest du deinem Gegenüber, dem Platz, auf dem dein Alltags-Ich sitzt, sagen?

Setze dich dann wieder auf deinen ursprünglichen Platz.

Verstehst du deine Selbstzweifel nun ein bisschen besser? Wie könntest du dich selbst vor dem, was der zweifelnde Anteil befürchtet, beschützen?

Sei mitfühlend mit dir. Höre dir selbst zu. Gib dir, was du brauchst und erkenne, wer in dir diese Zweifel hat. Denn möglicherweise sind deine Zweifel eine echte Warnung davor, dass eine Entscheidung nicht zu dir passt.

 

Susanne Hühn

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