12. Rauhnacht (4./5. Januar)

Thema: Dank und Segen/Blick in die Zukunft

In der traditionell letzten Rauhnacht sind wir aufgefordert, uns zu bedanken – Danke zu sagen für uns selbst und alles, was uns umgibt –, achtsam zu sein und mit dem, was ist, verantwortungsvoll umzugehen.
Mit all deinen Sinnen bemerkst du, wie wundervoll alles ist. Du kannst Spirit im Flüstern des Windes und im Rauschen des Baches hören. Lasse dich verzaubern vom Knistern des Feuers. Erinnere dich an den Gesang der Vögel und daran, dass die Bienen dir ihren Honig schenken. Spirit ist überall! Wir müssen nur lernen, ihn wieder wahrzunehmen.
Sei bereit und lerne wieder, mit dem Herzen zu sehen. Gib der Dankbarkeit und Spirit ein Zuhause, räume ihnen Platz in deinem Herzen ein. Spirit schenkt uns Freude, einfach so, sie entsteht aus sich selbst heraus. Wenn du Freude und Glückseligkeit fühlst, dann empfängst du den Segen von Spirit, dann bist du selbst Spirit.

Ein Märchen: Der Brunnen unter dem Ahorn

Es war einmal ein altes Mädchen – ja, das sagt man selten, aber so war es. Sie hieß Nivra, war weder jung noch alt, weder traurig noch fröhlich, sie war ganz einfach still geworden. Sie hatte selten Kontakt zu anderen Menschen. In ihrem Haus am Waldrand gab es einen Ofen, einen Kessel und ein paar Möbel. Dieses Reich teilte sie mit einer Katze, die den ganzen Tag schnurrte.

Das war nicht immer so gewesen. Vor vielen Jahren, als sie noch ganz jung gewesen war, hatte sie im Dorf mitten unter den Menschen gelebt. Ihre Eltern hatten einen kleinen Laden gehabt, dessen Umsatz sie gut hatte auskommen lassen. Die Mutter war regelmäßig in die Wälder gegangen und hatte Kräuter, Körner, Nüsse und Früchte gesammelt. Nivras Vater hatte tief im Wald an einer Quelle eine kleine Hütte gezimmert, die Nivras Mutter erlaubt hatte, sich auszuruhen und die gesammelten Nahrungsmittel zu verarbeiten, bevor sie diese zum Verkauf zurück ins Dorf brachte. Nivras Vater hatte kleinere Möbel für die Gemeinde produziert. Mit zunehmendem Alter hatte auch Nivra bei der täglichen Arbeit und im Laden geholfen. Doch eines Tages war ihre Mutter nicht mehr aus dem Wald zurückgekommen. Alle hatten sich auf die Suche gemacht, und schließlich war sie am Fuße eines kleinen Abhangs gefunden worden. Sie war abgestürzt und hatte sich den Kopf eingeschlagen. Die Trauer war groß gewesen, der Schmerz hatte die Freude und das Lachen genommen. Nivras Vater war am Ende des Jahres an seinem gebrochenen Herzen gestorben. Er hatte sich verantwortlich gefühlt und sich Vorwürfe gemacht. Nivra hatte sich immer mehr von den Menschen zurückgezogen, war immer stiller und in sich gekehrter geworden. Nach einer Zeit der Trauer hatte sie beschlossen, den Laden und alles, was darin war, zu verkaufen und wegzugehen. Zu viel hatte sie an ihr altes Leben erinnert und daran, wie dieses zu Ende gegangen war. Sie hatte das Wichtigste in ihre Karre gelegt und war zu der Hütte im Wald gewandert. Die Familienkatze war ihr erst zögerlich, dann fröhlich von Stein zu Stein hüpfend gefolgt.

Nivra hatte sich schnell an das stille Leben im Wald gewöhnt, passte es doch gut zu ihrer inneren Einstellung. Jeden Tag fegte sie den kleinen Platz vor ihrer Hütte, kochte sich Suppe aus gesammelten Früchten, Beeren und Pilzen. In der warmen Jahreszeit trug sie den üppigen Überfluss zusammen und konservierte ihn für den Winter, wenn wenig zu finden war. Im Herbst las sie die Nüsse in ihrer Umgebung auf, achtete aber darauf, genug für die Nagetiere übrig zu lassen. Sie brauchte nur sehr wenig. Oft stellte sie ein paar Körner auf die Fensterbank – nicht für Vögel, sondern für etwas, was sie selbst nicht benennen konnte. »Für das, was mir still Gutes tut«, murmelte sie manchmal dabei. Aber sie wusste selbst nicht recht, was sie eigentlich damit meinte. So lebte sie in den Tag hinein und war mit ihrem Dasein zufrieden.

In der zwölften Rauhnacht, als die Luft nach Wacholder und dem aufstrebenden Licht roch und der Wind kein Ziel mehr hatte, erwachte sie noch vor der Dämmerung. Eine Stimme hatte sie gerufen – nicht laut, aber deutlich wahrzunehmen. Ihr erschien das ungewöhnlich, schließlich kamen selten andere Menschen vorbei, und im Winter war der Weg fast unpassierbar.
Nivra zog sich schnell warm an und folgte der Stimme. Sie erklang aus der Richtung hinter ihrem Haus. Dort stand ein alter Ahornbaum, dessen nun blattlose Äste sich wie Arme zum Himmel reckten. Nivra hatte ihn lange nicht beachtet und war überrascht, als sie ihn anschaute. In dieser Nacht tropfte goldenes Licht von seinen Zweigen herab auf den Boden. Und zwischen den Wurzeln – da war ein Brunnen, den sie nie gesehen hatte. Ein Loch im Boden, umrahmt von rohen Steinen, die das Wasser gegen die weiche Erde abgrenzten. Als sie sich näherte, erblickte sie die stille Oberfläche. Sie setzte sich auf eine der großen Wurzeln des Ahorns und blickte in das Wasser. Ihr Körper spiegelte sich darin. Zunächst war Stille in ihrem Kopf, die Gedanken blieben aus. Mit einem Mal tauchten auf der Wasseroberfläche verschiedene Bilder auf. Sie sah sich mit einem Kind, dem sie einst eine Geschichte erzählt hatte. Sie erkannte ein Reh, dem sie vor dem großen Sturm wortlos Schutz geboten hatte. Dann tauchte das Bild eines alten Nachbarn auf, dessen Hand sie still gehalten und mit dem sie an einem Februarmorgen ein stilles Gebet gesprochen hatte. Und plötzlich erkannte sie, was all das bedeutete. »Für das, was mir Gutes tut« hieß: »Danke für alles, was ich habe und mir vom Himmel geschenkt wird. Nimm dies als Zeichen meines Dankes.« Es war das Leben selbst in seinen einfachen, lichten Falten, das sie so tief im Herzen berührte. Das Nivra täglich zeigte, dass für sie gesorgt wurde. Sie konnte den Segen fühlen.

Neben dem Brunnen erblickte sie aus dem Augenwinkel eine Gestalt. Diese trug einen Mantel mit Fäden wie gleißendes Licht aus Morgenröte. Und vorn auf der Brust erkannte Nivra die Rune Wunjo, die reine, ekstatische Freude aus sich selbst heraus, die Wonne.
»Du bist nicht unbedeutend«, sprach die Gestalt. »Du warst von klein auf ein Wesen des Lichts, auch wenn es dir bisher niemand gesagt hat. Und du wirst es immer sein, einfach deshalb, weil du da bist.« – »Und wenn ich es vergesse? Es fühlt sich so fremd an«, sprach Nivra. »Dann trink aus dem Brunnen«, antwortete lächelnd die Gestalt. Nivra tat es. Erst ganz vorsichtig versuchte sie einen Schluck. Sofort durchströmte sie eine Sanftheit wie warmer Wind in tiefem Gras. Mit jedem Schluck spürte sie, wie diese sich in ihrem Körper ausbreitete. In ihrer Brust wuchs ein stilles, lachendes Ja.

Dann erschien auf der Wasseroberfläche eine zweite Rune: Jera – die natürlichen Rhythmen, der richtige Zeitpunkt. »Nicht alles geschieht heute. Aber alles kommt zur rechten Zeit«, vernahm Nivra erneut die Stimme der Gestalt neben sich. »Wenn dich die Ungeduld treibt, trinke wieder aus dem Brunnen, und das Verständnis der richtigen Entwicklung wird dich lenken. Wisse allerdings, dass sich der Brunnen nur zeigt, wenn du wirklich Hilfe brauchst. Bist du imstande, die Lösung allein zu finden, wird er verborgen bleiben.«
Nivra trat zurück. Und tatsächlich verschwand der Brunnen im Schatten unter dem Ahorn. Der Baum schwieg. Und in ihrem Herzen sang es leise: »Ich bin. Ich leuchte. Ich bin gesegnet, weil ich bin, wer ich bin.« Die Katze tauchte aus dem Haus auf und umkreiste ihre Beine. Nivra streichelte sie und genoss noch eine Weile diese besondere Stille unter dem Ahorn, die Dankbarkeit im Herzen und die lebendige Freude in all ihren Zellen. Sie begriff, wie beschützt und genährt sie war – weil sie war, wie sie war. Mit diesem Glücksgefühl entschied sie, im Frühjahr das Dorf zu besuchen und die alten Kontakte wiederaufleben zu lassen. Sie wusste tief in ihrem Herzen, dass es gut werden würde. Sie war bereit, die Freude wieder in ihrem Leben wirken zu lassen.


Wenn dieser Blog-Artikel interessant für dich war:

»Keltische Rauhnächte«
Mit der Kraft der Runen und der Elemente durch die magische Zeit
Überarbeitete und ergänzte Neuausgabe 2025
Peter Eckel, Antara Reimann
Bestell-Nr. 1587
978-3-8434-1587-3

>> Leseprobe

>> Hier geht es zum Buch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

+ 85 = 91